Also ja, das war kürzlich schon ziemlich kafkaesk. Als ich am Walcheplatz in Zürich den Sitzungsraum suchen muss, da fühle ich mich wie der junge Karl Roßmann, der sich in einem riesigen Büro- und Wohnkomplex verirrt. Die Architektur wird hier viel früher zum Albtraum als die Menschen dahinter.
Franz Kafka schreibt:
»Er ging ein Stückchen weiter, sah aber nur eine endlose Reihe von Türen, die alle einander glichen, er wendete sich um und ging zurück, aber der Gang schien kein Ende zu nehmen, überall waren Treppen, die nach oben oder unten führten, und kein Ausgang war zu finden.«
Schlussendlich finde ich den angekündigten Sitzungsraum im richtigen Haus, ziemlich verschwitzt und früh schon erschöpft. Ich nehme zum ersten Mal an einer Sitzung jener Kommission teil, die den heroischen Kampf der Schweizer Bürokratie gegen die invasiven Neophyten leitet. Leitet? Nein, irgendwie auch nicht. Sagen wir mal: koordiniert. Mithilfe von Beamten – aus jeder Region der Schweiz ein kantonaler Beamter. Ein Waadtländer vertritt also auch den Kanton Wallis. Dazu eine Praktikantin, die ihre Sporen abverdient. Eine Dame aus dem fernen Tessin meldet sich über den Bildschirm; ja, sie hört uns und wir sie auch. Als sie etwas sagen soll, ist sie aber schon weg. Auch gut. Geleitet wird die Sitzung von einem Herrn aus Zürich, der gerade pensioniert wird und zur Feier des Tages Kuchen eingekauft hat. Alle sind nett miteinander. Man kann sich der Nettigkeit fast gar nicht entziehen.
Der Hausherr aus den Korridoren von Zürich erzählt lächelnd, dass er gerne Bussen und Verfügungen ausspricht, um den Gegner allenfalls dazu zu zwingen, den Gerichtsweg einzuschlagen, um so langsam das Recht in die richtige Richtung zu biegen. Auch das tönt noch nett, obwohl er etwas zu schlau lächelt.
Das Klima ist literarisch und wetterbedingt gleichermaßen schwül, heiß und leicht dunstig. Bei Kafka ist es staubig, aber jetzt hat jeder einen Computer. Die zwei bis drei Dissidenten im Raum, die die Verfolgung von Pflanzen etwas eingrenzen wollen, kommen gut zu Wort, ja dominieren sogar die Diskussion. Eine von ihnen, eine jüngere Frau, hat aber nach drei oder vier Sitzungen schon weitgehend aufgehört zu reden. Die beiden wackeren Herren, die von und für Pflanzen leben, reden und reden. Aber es nützt halt nichts. Wie bei Herrn K.
Dass es eine Liste von potenziell invasiven Pflanzen eigentlich gar nicht geben dürfte, wird stur ignoriert. Fast schuldig ist ganz schuldig. Und wenn wir die Menschen da draußen endlich dazu bringen, auch die fast verbotenen Pflanzen aus dem Gedächtnis und aus dem Sinn zu verbannen, dann wäre viel gewonnen. Dass es dafür eigentlich keine klare Gesetzesgrundlage gibt, wird übersehen. Dafür gehen wir in die Kaffeepause, wieder über lange Gänge, zwei (oder waren es vier?) Treppen hoch, und vielleicht findest du dann den ersehnten Kaffeespender. Keine Überraschung, dass der Automat meine Kapsel schluckt und nur Wasser ausspuckt. Das hast du jetzt davon.
War im Kaffeeraum ein Fenster zur Limmat? Kafka sieht es schon gar nicht mehr.
Die Diskussion, die eigentlich keine ist, geht weiter. Kann eine Kiwi, die eine männliche Befruchterpflanze braucht und schlecht keimt, überhaupt im Ansatz invasiv sein? Der Beamte aus Zürich, der mit der langen Erfahrung, hat schon einmal eine gejätet – die habe wirklich gewuchert. Das tun Schlingpflanzen, die zum Licht wollen, zwar ganz grundsätzlich, aber Kiwis stehen nun mal auf der Liste und wir müssen halt die Vorschriften umsetzen, auch wenn es sie gar nicht gibt. Sogar der Mann vom Bundesamt, der das dunstige Klima empfindlich stört, als er davor warnt, ohne Gesetzesgrundlagen solche Listen mit falschen Titeln zu veröffentlichen, weist mich schlussendlich zurecht: Es sei gar nicht gut, dass ich zu Pflanzen auf einer Liste, die es eigentlich gar nicht geben sollte, keine Warnhinweise veröffentliche.
Dieser Logik kann man nicht entgehen. Den Process wird man verlieren.
Fast wäre ich am Ausgang hängen geblieben. Der wird wie das Schloss bewacht. Zum guten Glück ist ein Wachmann da. Ich stammle etwas von der Sitzung, bei der ich gewesen sei. Er versteht mich nicht, ich höre ihn auch nicht, ich drückte auf die roten und grünen Knöpfe, dann lässt er mich wider besseres Wissen frei.
Draußen an der Sonne, am Ufer der Limmat, muss ich zuerst innehalten. Ich lasse die Menschen an mir vorbeigehen. Sie sind aus Fleisch und Blut und scheinen wirkliche Ziele zu verfolgen. Oder sie sind Touristen, die sich langweilen. Der Dunst ist weitgehend weg. Eine türlose Umwelt. Gottlob! Der Fluss, die Bäume. Also wirklich, gib dir einen Ruck – du bist ja weder Karl Roßmann noch Franz Kafka!
Deshalb produzieren wir Pflanzen. Deshalb pflanzen wir Pflanzen.
Die Aktion in dieser Woche, der Deal mit den historischen und essbaren Rosen, erinnert mich aber wieder an diese denkwürdige Sitzung: Auf der Liste der fast ganz, aber halt doch nicht verbotenen Pflanzen (die der Umwelt-Beamte aber braucht, um das totale Chaos zu verhindern) steht auch Rosa multiflora. Ganz gefährlich. Ihre genetische Hinterlassenschaft prägt allerdings die Mehrheit aller modernen Rosen, und ein schöner Teil aller Rosen ist auf Rosa multiflora veredelt.
Aber klar, was auf der Liste (die es eigentlich gar nicht geben sollte), erst einmal draufsteht, muss unbedingt mit Stumpf und Stiel bekämpft werden. Wie lange kann es so in der Schweiz noch Rosen geben? Der Mann aus Zürich erklärte gegen Schluss fast schon bedauernd, dass man einige invasive Neophyten immer seltener sehe. Man sei also sichtbar erfolgreich.
Wenn das bittschön kein Grund ist, gerade jetzt eine Rose zu pflanzen?!
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