Inhaltsverzeichnis
- Erster Schritt: Tatort festhalten
- Zweiter Schritt: Was genau wurde gefressen?
- Dritter Schritt: Wie gelangte der Täter an sein Essen?
- Vierter Schritt: Hinterlassenschaft wird zum Beweisstück
- Fünfter Schritt: Die Umgebung gehört zum Tatort
- Sechster Schritt: Verdächtige gegeneinander prüfen
- Wer war es nun?
Das haut in die gleiche Kerbe wie das Anfressen der eben reif gewordenen Tomaten. Täglich der gleiche Kampf: Wer entdeckt die perfekt reife Tomatenfrucht schneller, ich oder ES?
Bild: Tomaten werden von einem unbekannten Tier angebissen, sobald sie reif und saftig sind.
Gestern dann das Gleiche mit den Maiskolben! In meinen Tagträumen hatten sich die schönen Kolben bereits zu fantastischem Popcorn gewandelt. Als ich an Hochbeet 22 stand, waren die Körner komplett aus den Kolben herausgelöst worden.
Bild: Abgefressener Maiskolben: Wer oder was kommt als Täter in Frage?
Nur hatte diesmal der Täter einen Fehler gemacht. Am Tatort lag eine verdächtige Hinterlassenschaft.
Bild: Verdächtige Hinterlassenschaft direkt am Tatort, in den Maispflanzen im Hochbeet.
Mit dieser schmutzigen Angelegenheit begann meine kleine kriminalistische Untersuchung. Ich fühle mich durch einen regelmäßigen Krimi-Konsum gut vorgebildet. Die Hochbeet-Kommissarin möchte nun eine Frage beantworten: Wer isst hier eigentlich mit?
Erster Schritt: Tatort festhalten
Kriminaltechnisch korrekt scheint es mir, mit der Tatort-Analyse einzusteigen: Bei meiner Gerste standen nach der Ernte durch Unbekannt noch zahlreiche Halme im Hochbeet. Was fehlte, waren die Ähren. Sie waren nicht leergefressen worden und lagen auch nicht unter den Halmen. Sie waren schlicht verschwunden.
Das ist wohl ein wichtiger Hinweis. Ein Vogel, der Körner aus einer Ähre pickt, hinterlässt ein anderes Bild als ein Nagetier, das eine ganze Ähre abbeißt und davonträgt. Ich habe euch ein Foto des Tatorts gemacht.
Bild: Hochbeet Nr. 10 im August: Von den wunderbaren reifen Gerstenähren sind nur noch Stoppeln übrig.
Zweiter Schritt: Was genau wurde gefressen?
Zweiter Schritt, zweite Frage: Was wurde vom Tatort entwendet?
Auch Tiere haben Vorlieben. Im Hochbeet 10 standen beispielsweise Chilipflanzen mit reifen Früchten praktisch unbehelligt neben der vollständig abgeernteten Gerste. Wenige Meter weiter wurde dagegen Mais gefressen.
Damit wird ein Tier verdächtig, das gezielt energiereiche Samen beziehungsweise Getreide nutzt, aber auch an saftig-reifen Tomaten nascht. Nicht nur das Gefressene ist eine Spur, das Verschmähte kann genauso aufschlussreich sein.
Dritter Schritt: Wie gelangte der Täter an sein Essen?
Unser Mais lieferte den nächsten Hinweis. Der Kolben befand sich noch an der Pflanze. Ein Teil der Körner war jedoch herausgefressen worden. Der Täter musste also entweder fliegen oder klettern können.
Die dritte Frage lautet also »Welches Tier in unserem Garten frisst Mais und kann bis zu diesem Kolben gelangen?«
Mäuse können klettern. Siebenschläfer auch. Und eine Wanderratte erst: sie kann nicht nur wandern, sondern auch erstaunlich geschickt klettern.
Vierter Schritt: Hinterlassenschaft wird zum Beweisstück
Die Suche nach den Beweisstücken beginnt.
Direkt am angefressenen Maiskolben in der Pflanze liegt Kot. Solche Hinterlassenschaften können ausgesprochen hilfreich sein. Farbe, Form, Länge, Durchmesser und Fundort gehören zusammen. Die Analyse liefert erste konkrete Verdächtige.
Das Stück war nur ungefähr 1,5 Zentimeter lang. Damit kamen größere Nagetiere ins Spiel. Die Analyse funktioniert recht gut auch mit KI, wenn man Foto und Längenangaben liefern kann.
Wichtig ist auch die Frage: Wo genau lag der Kot?
Der Kot unmittelbar zwischen den Lieschblättern eines angefressenen Maiskolbens ist äußerst verdächtig.
Fünfter Schritt: Die Umgebung gehört zum Tatort
Zunächst erschien ein Siebenschläfer (Glis glis) durchaus plausibel. Der Hochbeetgarten befindet sich in Waldrandnähe. Siebenschläfer sind hervorragende Kletterer und nutzen energiereiche pflanzliche Nahrung. Ein Tier, das nachts in einen Maisbestand steigt und sich dort bedient, wäre also keineswegs abwegig.
Dann fand ich als Kommissarin wenige Meter entfernt eine neue Spur an der Hochbeetoberfläche: ein Loch im Boden mit aufgeworfener Erde. Der Durchmesser beträgt fünf Zentimeter.
Siebenschläfer nutzen zwar unterschiedlichste Verstecke, typisch sind aber insbesondere Baumhöhlen, Nistkästen und Gebäudehohlräume. Ein Erdbau mit erkennbarem Aushub passt wesentlich besser in die Lebensweise bodenbewohnender Nagetiere. Damit rückte die Wanderratte (Rattus norvegicus) der Verdächtigenliste weit nach oben.
Das zeigt eine wichtige Regel der Spurensuche: Nicht nur die abgefressene Pflanze untersuchen, sondern den ganzen Garten anschauen. Hecken, Kompost, Holzstapel, Mauern, Schuppen und Hochbeete können Verstecke bieten. Sucht nach Löchern, Laufwegen, Kot, Nagespuren und Futterresten.
Sechster Schritt: Verdächtige gegeneinander prüfen
Aus einzelnen Beobachtungen entsteht allmählich ein Täterprofil. Für meinen Fall sieht die Ermittlungstabelle so aus:
|
Beobachtung |
Maus |
Siebenschläfer |
Wanderratte |
|
frisst Getreidesamen |
✓ |
✓ |
✓ |
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frisst Mais |
✓ |
✓ |
✓ |
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kann Maispflanzen erklimmen |
✓ |
✓✓ |
✓ |
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transportiert Nahrung |
✓ |
✓ |
✓ |
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Waldrand passt zum Lebensraum |
✓✓ |
✓✓ |
✓ |
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Kot von etwa 15 mm und relativ großem Volumen |
eher fraglich |
möglich |
gut möglich |
|
Erdbau mit Erdauswurf |
möglich |
weniger typisch |
sehr gut passend |
Wer war es nun?
Indizien folgend ist eine Wanderratte am wahrscheinlichsten.
Wie ich damit umgehe? Ich nehme es hin. Ich bin doch satt! Die Tiere rauben mir nichts Lebensnotwendiges. Vielleicht mache ich es so, wie bereits vor einigen Jahren, und gebe den Tieren Namen. Eine Ratte im Garten nannte ich vor vielen Jahren Horst, dadurch verlor sie ihren Schrecken. Abgesehen von diesem etwas speziellen Rattenschwanz ein toller Typ. Der hatte später Frau und zwei Kinder, und machte offensichtlich seinen Anteil an Care-Arbeit.
Gärtnern bedeutet für mich nicht nur säen, setzen und ernten. Ein Garten ist ein kleines Ökosystem voller Spezies mit und ohne Pelz, die unsere sorgfältig gezogenen Pflanzen aus einer völlig anderen Perspektive betrachten.
Wir nennen es Hochbeet. Sie nennen es vermutlich Vorratskammer.
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