Der Spruch wurde häufig gelobt, aber noch viel häufiger missverstanden. Weiss Markus vielleicht doch nicht alles besser? Und ist Dialektik wirklich geeignet, um Pflanzen- und Gartenprobleme zu lösen?
Genug der Philosophie. Gehen wir zum praktischen Beispiel!
Eine Bloggerin, Claudia Klinger, teilte uns mit, unsere Schlingel-Tomaten, die sie in diesem Jahr testen wollte, seien alle tot. Ausnahmslos, im Garten und im Topf. Sie hatte das bereits veröffentlicht (hier ihr Bericht in ihrem Blog), aber vielleicht würden wir uns dazu noch äussern wollen.
Klar ist der Gärtner der Mörder. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Immerhin werden dem mutmasslichen Täter noch ein paar letzte Worte zugestanden 😉
Verflixt und abgefault! Warum ist die Tomate tot? Und warum sind alle anderen am Leben?
Der erste Verdächtige: die Trockenheit
Erste Frage an unseren Kundendienst: Habt ihr Reklamationen zu den Schlingel-Tomaten?
Nein.
Dann ein Rundgang in unseren Züchtungs- und Testfeldern: Alle Schlingel am Leben, eigentlich fast zu lebendig. Das Wasser nach der sommerlichen Trockenheit hat sie zu kleinen Tomatenurwäldern wachsen lassen, und im Innern reifen die Tomaten langsam von unten nach oben. Etwas spät, ja, aber sie haben wohl wegen der Trockenheit zwischenzeitlich die Entwicklung eingestellt.
Das unbegründet schlechte Gewissen ist meiner Antwort anzuhören:
«So ein Feedback haben wir noch nie bekommen. Bei uns haben die Tomaten, eigentlich alle Tomatensorten, die Trockenheit gut überstanden. Warum? Auch wir hatten 8 Wochen keine Niederschläge (0 mm), und wir haben keine Bewässerung. Ebenso wird nicht von Hand bewässert, dafür ist das Feld etwas zu gross 😉 Noch etwas: Da es sich um einen guten, schluffigen Gemüseboden handelt, haben wir keine Mineraldünger und keinen Kompost eingesetzt. Zero.»
Wie soll ich die Frage beantworten – und wie verhindere ich, dass es als Selbstrechtfertigung aussieht? Wie lasse ich den naheliegenden Mordverdacht (der Gärtner ist der Mörder) gar nicht erst aufkommen?
Ich entscheide mich für den sachlichen, analytischen Weg.
«Strauchtomaten haben aufgrund der kurzen Internodien und aufgrund der vielen Seitentriebe sehr viel mehr Laub im Verhältnis zur Pflanzengrösse und wohl auch relativ zum Ertrag. Sie verdunsten also mehr Wasser. Darum reagieren sie eventuell empfindlicher gegenüber Trockenheit (obwohl sie ja gegossen haben).
Ich bin deshalb überzeugt, dass ein zusätzlicher Faktor eine Rolle gespielt haben muss: fast sicher der Salzgehalt. Wenn der Salzgehalt (Dünger, Kompost, vor allem selbst gemachter Kompost) relativ hoch ist, kann es bei Trockenheit schneller passieren, dass der Salzgehalt des Bodens zwischenzeitlich höher ist als der Salzgehalt des Pflanzensaftes. Folge: Die Pflanze kann kein Wasser mehr aufnehmen, und die Blätter vertrocknen.»
Tod durch Verdursten. Antwort abgeschickt. Gärtner vorläufig freigesprochen
Der zweite Verdächtige: das Wasser
Aber so ganz zufrieden bin ich nicht mit der Antwort. Es ist ja nicht mein Garten, ich kenne die toten und lebenden Tomaten nur entfernt, noch viel weniger stecke ich in ihrer Haut.
Also schiebe ich das Mail der Bloggerin zu meinem Kollegen Reinhard.
«Kannst du dir das ansehen und einen möglichst unschuldigen Kommentar dazu schreiben?»
Reinhard wählt einen ganz anderen Weg. Bei ihm ist das Wasser das Problem, nicht wie bei mir die Trockenheit und der Salzgehalt.
Er hört also der Mordzeugin aufmerksam zu und bemerkt ihr fleissiges Giessen.
Halt! Ganz falsch!
Reinhard schreibt an die enttäuschte Tomatengärtnerin: «Der ‹Tomatenpapst› Erich Stekovic etwa behauptet, dass man Tomaten niemals giessen sollte. Er meint, dass vor allem das Giessen für die meisten Probleme bei Tomaten im Garten verantwortlich ist. (…) Ausserdem kann häufiges Giessen Pilzkrankheiten begünstigen.»
Zum Beispiel Verticillium-Welke mit Symptomen, die fast wie beim Vertrocknen aussehen. Oder wie wär’s mit der Pythium Wurzelfäule?
Reinhard und ich betrachten also denselben Fall – tote Tomaten, leider unsere Schlingelsorten – und kommen zu zwei unterschiedlichen, ja fast schon gegensätzlichen Erklärungen. Bei mir ist es die Trockenheit, möglicherweise verschärft durch einen hohen Salzgehalt. Bei Reinhard ist es das Wasser: zu viel, zu häufig, mit Folgen für die Pflanzengesundheit.
Wer hat recht?
Keine Ahnung. Wir waren beide nicht dabei.
Die toten und die lebenden Zeugen
Eigentlich müssten wir ja die Tomaten fragen, warum sie tot sind. Aber eben, sie sind ja tot. Also fragen wir halt unsere Tomaten in Buchs.
Sie wurden jedenfalls nie gegossen.
Willkommen in der Dialektik des Gärtnerns. Sicher ist, dass nichts sicher ist. Und selbst das ist nicht sicher.
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