Eure Kindheits-Erinnerungen mit schwarzen Johannisbeeren sind ambivalent. Einerseits das positiv erinnerte heimliche Pflücken und Naschen sonnenreifer Früchte direkt vom Strauch. Andererseits das unbeliebte systematische Ernten: Schüssel in der Hand, Reihe für Reihe, mit dem Blick der Erwachsenen im Rücken.
Bild: Kindheit mit Cassis-Sträuchern im Garten: Ernte in einem Beerengarten 1960. Quelle: Erkki Voutilainen über Wiki commons.
Beim Lesen eurer Geschichten wurde mir jedenfalls klar, wie viel Handarbeit kleiner Kinderhände früher in jeder einzelnen Beere steckte. Und dann erst der polarisierende Geschmack!
Wer die Beeren gerne essen möchte, der hat sie, so scheint es, auch lieber gepflückt:
“Wenn ich an schwarze „Jobeeren“ denke, sehe ich mich als Kind immer mit meiner Mutter auf der Terrasse sitzen. Wir hatten so eine alte, gelbe Plastikschüssel und Unmengen an gepflückten Beeren, die noch belesen werden mussten. Es ging darum, die kleinen Blütenreste von der Beere zu entfernen ohne die Beere zu zerquetschen. Mir hat das irgendwie Spaß gemacht, vor allem weil die Fingernägel danach so schön lila-schwarz verfärbt waren. Das gefiel mit als Kind gut. Zudem gab es danach eine kleine Schale mit den Beeren, Milch und etwas Zucker darüber. Wenn man kurz gewartet hat, wurde die Milch am Rand so ganz leicht lila, wundervoll. Das war für mich der Geschmack von Sommerferien. Ich habe mir jetzt für meinen eigenen Garten eine Cassissima Blackbells geholt und esse sie noch immer liebend gerne mit Milch und Zucker”
Die Ernte war offensichtlich etwas mühselig, und man musste das beste daraus machen:
“Ribisel sind mir seit meiner frühesten Kindheit vertraut. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in der grünen Steiermark erinnere ich mich noch heute an die damals ungeliebte Pflicht, mit meinen Geschwistern zu Anfang Juli die roten Ribisel – sie flankierten, 12 bis 15 Stück an der Zahl, den Gemüsegarten – zu pflücken. Um diese Arbeit ein wenig kurzweiliger zu gestalten, flochten wir Spiele (heute würde man sagen „challenges“) ein („wer schafft in einer Minute die meisten Trauben?“) ein, beim anschließenden „Abrebeln“ zählten wir, wie viele Beeren pro Traube waren, und ab und zu wanderte eine Traube in den Mund und wurde mit den Zähnen „abgerebelt“. Dass es neben den roten Ribiseln auch ein paar Sträucher mit schwarzen Beeren gab, blieb uns weitgehend verborgen. Diese hatten nur kümmerliche Trauben und waren schwer zu pflücken, so dass unsere Mutter selbst diese Arbeit erledigte. Die Beeren – rote und schwarze – landeten (so sie nicht teilweise von uns Kindern, mit einer ordentlichen Portion Zucker, vernascht wurden) im Dampfentsafter. So entstand ein köstlicher Saft (leider verwässerte ihn unsere Mutter nach unserem Geschmack später mit viel zu viel Wasser), der unsere durstigen Kehlen – noch vor der grassierenden Seuche von Limo & Cie. – noch im Winter und Frühjahr erfreute.”
Viele von Euch erinnern sich jedenfalls mit Freude daran zurück, wie sie im Sommer Beeren geerntet haben. Im Frühsommer wurden die unscheinbaren grünen Kugeln langsam rot, weiß oder dunkelviolett. Als Kinder habt ihr diesen Wandel genau beobachtet! Das Warten auf die erste reife Beere war ein kleines Ereignis. Und oft begann das Naschen lange bevor die Erwachsenen die Ernte freigaben, wie ein Auszug aus einer Geschichte mit mütterlichem Blickwinkel beweist:
“Jedes Jahr beginnt es gleich, sobald die ersten Johannisbeeren am Strauch Farbe bekommen: „Sind die jetzt reif?“ – diese Frage höre ich dann mehrmals am Tag. Und jedes Mal sage ich: „Noch nicht, die sind noch sauer.“ Aber meine Kinder interessiert das herzlich wenig. Wenn es plötzlich verdächtig ruhig im Garten ist, dann reicht ein kurzer Blick zu den Johannisbeersträuchern, und wie nicht anders zu erwarten, die Kinder stehen halb im Strauch, schauen sich noch schnell um und zupfen heimlich die ersten Beeren ab. Dann kommt der Moment, auf den ich schon warte: Ein Biss – und sofort verziehen sich die Gesichter. Ich muss mir das Lachen verkneifen, denn direkt danach pflücken sie die nächste. Wenn sie mich im Garten entdecken, tun sie ganz unschuldig und gehen mit einem Grinsen von den Sträuchern weg. Ein paar Tage später, wenn die Beeren wirklich reif sind, schmecken sie ihnen dann richtig gut und die Sträucher sind nach einigen Tagen fast leer. Aber ich glaube fast, diese viel zu sauren, heimlich gepflückten, sind jedes Jahr die spannendsten.”
Bild: zu früh machts noch keinen Spass... (Symbolbild)
Nicht alle Kinder hatten einen Gaumen, der vom Geschmack der schwarzen Johannisbeeren zu überzeugen war:
“Ehrlich gesagt mochte ich schwarze Johannisbeeren früher überhaupt nicht. Als Kind gab es bei uns im Garten nur diese uralten Sorten, die so sauer waren, dass man sie ohne Zucker (und den gab es nicht) gar nicht runterbekommen hat. Und dann dieser Beigeschmack, der mich immer an den fiesen Hustensaft erinnerte. Und der Geruch der Blätter. Ich habe die Sträucher in meinem eigenen Garten deshalb jahrelang ignoriert bzw. einen Strauch direkt rausgerissen. Vor zwei Jahren hat mir dann ein Bekannter eine neuere Cassissima-Züchtung aufgeschwatzt. Er fand sie richtig gut. Ich war echt skeptisch, habe sie aber hinten ins Eck beim Kompost gepflanzt, quasi als letzte Chance und weil es ein Geschenk war. Im ersten Jahr habe ich sie den Vögeln überlassen und war überrascht, dass sie sie mochten. Letzten Sommer dann die Überraschung: Die Dinger sind wirklich riesig geworden und schmecken tatsächlich süßlich, wenn man sie richtig schwarz werden und noch etwas am Busch hängen lässt. Ich habe sie das erste Mal in meinem Leben direkt vom Strauch gegessen, ohne dass sich alles zusammengezogen hat. Mittlerweile erwische ich mich dabei, wie ich abends nach der Arbeit als erstes zu dem Strauch gehe und gucke, ob wieder was reif ist. Man ist wohl nie zu alt, um seine Meinung über eine Beere zu ändern.”
Auch die folgenden beiden Gaumen litten unter der kindlichen Abneigung gegenüber dem strengen Cassis-Geschmack mit viel Säure, den wir bei alten Sorten finden:
“Tatsächlich hat mein Vater in seinem Garten irgendwann ein Strauch schwarze Johannisbeeren gepflanzt. Er hat mich im Sommer immer aufgefordert, doch mal welche davon zu essen. Ich habe immer ein paar geerntet, war dann aber leider zufällig genau diese Tage total satt und konnte nicht mehr essen. 😁 Nachdem der Strauch schon sehr groß war und es sehr viele Johannisbeeren gab, ist mein Vater schließlich dazu übergegangen, daraus Marmelade zu kochen. Und nun endlich: großer Auftritt schwarze Johannisbeeren! Die Marmelade ist wirklich unglaublich lecker!!! Meine Kinder waren jedes Mal sehr traurig, wenn die Marmelade vom Opa alle war.”
“Meine Erinnerung an schwarze Johannisbeeren ist eigentlich eine klassische Mutprobe unter Geschwistern. Wir hatten einen Strauch im Garten, der extrem saure Früchte hatte. Mein Bruder und ich haben immer Wettbewerb gemacht, wer mehr Beeren essen kann ohne das Gesicht zu verziehen. Wir saßen da teilweise eine Stunde und haben uns gegenseitig angestarrt und saure Johannisbeeren gegessen. Wer zuerst gezuckt hat, hatte verloren. Auch heute liebe ich noch schwarze Johannisbeeren, vor allem weil der Geschmack nicht so langweilig-nur-süß ist, wie bei manch anderen Beeren.”
Ein Cassis-Strauch fiel in Ungnade, weil seine Früchte, in einem ungewöhnlichen Fall, nicht nur Leid am Gaumen verursachten:
“Wir hatten im Garten meines Elternhauses wunderbare Beerensträucher. Meine geliebten Stachelbeeren waren immer zuerst abgepflückt, dann kamen die roten Johannisbeeren und dann… war da noch der Cassisstrauch. Der trug bis am Ende des Sommers seine Beeren, da wir Kinder den Geschmack verabscheuten. Eines Tages aber, als alle süssen Alternativen im Garten schon weg gefuttert waren, liess ich mich dazu hinreissen, die schon lange auf dem Boden liegenden Beeren zu vernaschen. Mit fatalen Folgen: sie waren nämlich längst alle vergoren! Da ich den Cassis-Geschmack eh nicht mochte, bemerkte ich natürlich nichts… Als meine Eltern nach Hause kamen fanden sie eine volltrunkene Siebenjährige im Garten. Ein spektakulärer Abend in der Nähe der Toilette folgte. Für ungefähr zehn Jahre machte ich einen weiten Bogen um schwarze Johannisbeeren, bis ich in Frankreich hausgemachtes Cassis-Glace probierte. Herrlich frisch! Und nun steht ein Lubera Cassissima-Strauch in unserem Garten. Geschmacklich kein Vergleich zu den sauren Beeren meiner Kindheit! Und ich freue mich schon sehr auf die diesjährige Ernte. Vielleicht reicht es ja für einen Cassis-Likör. Ganz ohne Kater… ;-)”
Bei der nächsten Geschichte wechselt das Leid die Seiten. Schwarze Johannisbeeren können, unter gewissen Umständen, Kindern sehr viel Freude machen, ohne das Erwachsene sie in diesem Augenblick teilen:
“Als ich im Newsletter von dem Wettbewerb gelesen habe, musste ich sofort an mein lustiges Cassis-Trauma denken. Ich wollte für meine Kids mal was Gesundes machen und dachte, ich koche einen ordentlichen Schwung schwarze Johannisbeeren zu Sirup ein. Soweit so gut. Ich hab aber nicht damit gerechnet, dass mein dreijähriger Sohn meint, er müsste die Schüssel mit den frisch pürierten Beeren als Fingerfarbe benutzen. Die Küche sah aus wie ein Künstleratelier in einer tiefen lila Phase. Der Sirup war am Ende zwar mega lecker, vor allem im Prosecco für uns Eltern nach dem Putzmarathon, aber die Flecken auf dem hellen Sofa sind bis heute ein Mahnmal. Mein Tipp: Schwarze Johannisbeeren lieber direkt vom Busch draußen mit den Kindern essen.”
Aus der Not mit dem Cassis-Geschmack konnte eine Geschichtenerzählerin eine Tugend machen... einen Game-Changer, könnte man sagen:
“Ich möchte gerne ein Rezept mit euch teilen, das ich aus Versehen als Kind mit dem Nachbarskind entwickelt habe. Meine Mutter hatte uns den Auftrag gegeben, die schwarzen Johannisbeeren im Garten zu ernten, denn sie wollte Marmelade kochen. Wir waren wenig begeistert, denn die schwarzen Johannisbeeren schmeckten uns nicht besonders. Zu sauer, zu "grün" im Geschmack. Schwarze Johannisbeermarmelade... bäh! Das mussten wir verhindern. Nur wie? Bald hatten wir eine Idee. Meine Mutter würde Marmelade kochen, komme was wolle. Das konnten wir nicht verhindern. Aber vielleicht konnten wir das Rezept heimlich abwandeln und den Geschmack so verbessern. Wir schnappten uns den Sammelkorb und zwei Regenschirme und rannten los in Richtung Waldrand. Dort gab es eine riesige Brombeerhecke. Der Himmel war strahlend blau, die Sonne schien. Die Schirme brauchten wir trotzdem. Bald hatten wir nämlich die herrlich süßen Brombeeren abgeerntet, die in unserer Reichweite wuchsen. Wir spannten die Schirme auf und schoben uns tiefer in die Hecke. So konnten uns die Dornen nicht verletzen. Wir sammelten und sammelten, bis der Korb zu drei Vierteln voll war. Dann rannten wir fröhlich heimwärts. Zuhause im Garten angekommen pflückten wir schwarze Johannisbeeren und streiften sie von den Rispen direkt in den Korb. Bald waren die Brombeeren mit schwarzen Johannisbeeren bedeckt. Zuerst wollten wir den Korb so zu meiner Mutter bringen, aber dann dachten wir, dass sie den Schwindel sicher bemerken würde, sobald sie das Obst in den riesigen Einkochtopf schütten würde. Was sollten wir tun? Da hatte ich eine Idee. Ich schüttete die gemischten Beeren in den Einkochtopf und stampfte sie bis zur Unkenntlichkeit mit dem Kartoffelstampfer, während meine Freundin noch zwei Hände voll schwarze Johannisbeeren holte. Gerade löste sie diese von den Rispen, als meine Mutter in die Küche kam. Sie freute sich, dass wir so fleißig waren, denn sie dachte natürlich, dass der Topf voll mit Johannisbeeren war. Kichernd gingen wir raus, um im Garten zu spielen. Meine Mutter aber kochte die die Beeren mit Zucker ein. Die Marmelade wurde köstlich. Süß und gut! So gut, dass meine Mutter die restlichen schwarzen Johannisbeeren erntete und nochmal Marmelade kochte, aber sie wurde nicht so gut, wie "unsere". Auch im nächsten Jahr nicht. Nie wieder. Ich weiß warum und Sie jetzt auch. Noch heute koche ich meine schwarze Johannisbeermarmelade mit Brombeeren. Drei Viertel Brombeeren mit einem Viertel schwarzer Johannisbeeren. Aber, wer weiß. Wenn die Cassissima von Lubera wirklich so süß wie versprochen sind, dann brauche ich meine Marmelade bald nicht mehr mit Brombeeren aufzubessern. Darauf freue ich mich schon, denn ganz ohne Kratzer komme ich nie davon, wenn ich Brombeeren pflücken gehe.”
Auch Tante Berta, die wir in der folgenden Geschichte kennenlernen, hat den Game-Changer-Hebel ansetzen können:
“Wir wohnten damals in einem alten Schloss (was für die Kinder sehr beeindruckend war – allerdings gab es dort einige Mietparteien mit Plumpsklo im Treppenhaus- also nicht das, was man sich unter einem Schloss wirklich vorstellt :) Und natürlich gab es auch einen Schlossgarten, der ebenso in einzelne Parzellen unterteilt war. Neugierig, wie wir als Kinder waren, erkundeten wir auf der Suche nach Abenteuern nicht nur unseren eigenen Garten, sondern gleich die Gärten der Nachbarn mit. Es gab dort riesige knorrige Bäume, verworrene Sträucher und geheimnisvolle Wege.
Die beste Zeit für unsere Erkundungen aber war der Spätsommer, wenn die Früchte reif wurden. Da gab es dann nicht nur etwas zu entdecken, sondern auch noch zu erschmecken. Schon seit längerem liebäugelten wir mit einem großen Strauch auf Tante Bertas Gartenstück, der von Tag zu Tag prächtigere Früchte trug. Wir hatten ungeduldig beobachtet, wie die Beeren immer größer und dunkler wurden und mit ihrer schwarzglänzenden Schale an riesige Heidelbeeren erinnerten. In unserem eigenen Garten gab es solche verlockenden schwarzen Johannisbeeren nicht. Also schmiedeten wir einen Plan. Wir schlichen uns unter dem alten Weichselbaum mit seinen bis auf den Boden hängenden Ästen hindurch bis zum begehrten Strauch, um uns gleich ein paar Hände voll Johannisbeeren zu pflücken. Natürlich waren wir der Meinung, dass uns niemand gesehen hätte und wir sehr clever wären. Tante Berta war aber auch nicht dumm und hatte uns schon eine ganze Weile beobachtet. Wenn wir ihren listigen und schadenfrohen Gesichtsausdruck hinter der Hecke bemerkt hätten, wären wir vielleicht vorgewarnt gewesen. So aber füllten wir uns in Erwartung des vermeintlichen süßen Hochgenusses ahnungslos unsere immer hungrigen Münder randvoll mit den saftigen Beeren ... - doch oje! Als wir die Geschmacksexplosion auf der Zunge spürten, merkten wir sehr schnell, dass der Genuss nicht süß war. Die Beeren waren krachsauer, aber sehr saftig! Vor lauter Schreck spuckten wir alles aus und der dunkle Saft troff uns verräterisch übers Kinn.
Da hörten wir ein lautes Prusten hinter der Hecke. Tante Berta konnte nicht mehr an sich halten und platzte fast vor Heiterkeit. Jetzt kam sie hervor und hatte Tränen in den Augen vor lauter Lachen. Wir hatten ebenfalls Tränen in den Augen – aber vor Scham. Von dem Tag an halfen wir Tante Berta regelmäßig bei der Beerenernte und erfuhren, wie vitaminreich diese Beeren waren. Naschen war dabei ausdrücklich erlaubt, wovon wir aber kaum Gebrauch machten. Tante Berta hat dichtgehalten. Unsere Eltern aber wunderten sich über ihre hilfsbereiten Kinder.”
Wir können es nur immer wieder betonen: Die richtige Cassis-Sortenwahl macht den Unterschied. Mit modernen Cassissima-Johannisbeeren wird aus Abneigung kulinarische Freude:
“Wenn ich an schwarze Johannisbeeren denke, dann habe ich sofort diesen ganz speziellen herben Duft der Blätter in der Nase, wenn man daran reibt oder sie nur leicht berührt. Als Kind musste ich im Garten meiner Oma immer helfen die Sträucher abzuernten. Das war für mich damals eine Strafarbeit, weil die Beeren so klein waren und man ewig brauchte, bis die Schüssel voll war. Außerdem haben sie mir als Kind überhaupt nicht geschmeckt. Und dann diese klebrigen, gefärbten Finger. Meine Oma hat daraus immer Saft gemacht, den es nur sonntags gab, ganz ohne Zucker. Heute habe ich selbst zwei Sträucher im Garten, es hat lange gedauert, bis mich eine Nachbarin davon überzeugte, ihre zu probieren. Es waren schwarze Johannisbeeren von Lubera und sie schmeckten zu meiner ganzen Überraschung richtig gut, aromatisch, fast etwas süß und gar nicht mehr so winzig mit dieser festen Schale. Heute wachsen auch bei mir diese Johannisbeeren; gar kein Vergleich zu früher. Jedes Mal, wenn ich heute an den Blättern reibe, muss ich an meine Oma denken und wie sie mit ihrer Schürze im Garten rumwuselte. Das ist für mich der Geruch von Sommer.”
Für Kinder, die im frühen 20. Jahrhundert auf dem Land aufwuchsen, war der Beerengarten ein Lebensraum, ein Arbeitsplatz und ein Abenteuerspielplatz zugleich. Beerensträucher wuchsen dicht an dicht gepflanzt, oft entlang von Wegen oder als lebendige Begrenzung des Gartens:
“Als ich 7 Jahre alt war, zogen wir in ein Haus mit großem Garten. Die Vorbesitzer hatten diverse Obstbäume und -sträucher hinterlassen, die auch teilweise ganz gut trugen. Viele leckere Himbeeren, eine lange Reihe am Zaun. Weiter hinten am gleichen Zaun noch Stachelbeeren sowie Johannisbeeren, rot, weiß, schwarz. Ich war damals voll in der Indianerphase, und der Garten bot jede Menge Baumaterial für Speere sowie Pfeil und Bogen. Wie sich herausstellen sollte, allerdings wohl eher ungeeignet und noch dazu von einem Kind bearbeitet, dem gewisse Grundkenntnisse des Waffenbaus fehlten. Also war ich gezwungen, vom archaischen Lebensstil der Jäger und Sammler nur den Sammel-Anteil zu nutzen. Das hieß Obst. Gewisse Mengen hatte ich in der Küche abzuliefern, war aber frei, zu naschen. Die Beeren waren mir alle genehm, nur die schwarze Johannisbeere kostete etwas Überwindung. Sauer liebte ich schon damals, aber der strenge Beigeschmack (Tannin?) war eine Herausforderung. So gab es eine einzelne schwarze Johannisbeere in einem Schälchen mit den andersfarbigen. Und um den Bogen zu Markus‘ Erinnerungen zu schlagen: Meinen Mitindianern und -innen nötigte ich diese einzelne Beere immer als „Medizin“ auf, Indianische halt.”
Wo Kinder im Nutzgarten spielen, ist es für jeden Beerenstrauch ganz offensichtlich von Vorteil, wenn er möglichst robust ist:
“An die schwarze Johannisbeere, oder bei uns einfach liebevoll "Cassis" genannt, habe ich schöne Erinnerungen: So war die Schwarze Johannisbeere der erste Strauch in einer Reihe von einigen Johannisbeeren im grossen Garten meiner Eltern. An dieser Stelle, direkt neben dem Weg gelegen, bekam er so einiges ab: So manches Mal sind wir Kinder mit unseren Rädern darin gelandet und er hat unzählige Bälle abgekriegt. Die Schwarze Johannisbeere liess sich jedoch nie davon beirren und lieferte uns Jahr für Jahr ihre Beeren. Mitverantwortlich für den treuen Ertrag dürfte mein Großvater sein, der immer im Frühjahr vorbeikam, um den Garten auf Vordermann zu bringen und den ich mehr als einmal dabei erwischte, wie er neben die Schwarze Johannisbeere pinkelte und es stolz "guten Dünger" nannte😊). Nun bin ich gespannt, wie die nächste Generation von den Schwarzen Johannisbeeren schmeckt!”
Manchen Kindern wäre vielleicht lieber gewesen, dass alle Sträucher im Garten ihren Abenteuern zum Opfer gefallen und nicht ersetzt worden wären:
“Ja ja die schwarze Johannisbeere – Schwarze Johannisbeeren im Garten meiner Großmutter gab es die zuhauf. Jedes Jahr mit unausweichlicher Sicherheit kam die Beerenschwemme und mit ihr die ganze Arbeit. Dann wurde gezupft, gezuckert, Saft und Marmelade gekocht auf Teufel komm raus. Von jedem Beerchen mussten Stiel und Blütenansatz entfernt werden, da war meine Oma extrem genau. Ich habe Alles daran gehasst mit der ganzen Inbrunst zu der ein Kind überhaupt fähig ist und den Geschmack der Beeren noch viele Jahre später nicht ausstehen können. Bei anderen Familien gab es Orangenlimo, bei uns Sirup aus den verhassten Beeren. Heute bin ich über 60 und habe mich längst mit dem Gewächs versöhnt. Allein der Geruch der Pflanze weckt Erinnerungen an die Unbeschwertheit der Kinderzeit. In meinem Garten stehen heute fünf Cassis Sträucher. Jedes Jahr freue ich mich auf die Ernte.”
So ein Strauch kann rückblickend in vielerlei Hinsicht enttäuschend wirken:
“Schon in meiner Kindheit hatten wir immer Johannisbeeren im Garten, mehrere rote Johannisbeerhalbstämmchen und weiße Johannisbeeren. Aber keine schwarzen... Da war der Ertrag nicht so hoch und damals dienten sie tatsächlich hauptsächlich zur Selbstversorgung. Nachdem ich dann zu Hause ausgezogen bin, hatte ich "nur" noch einen Balkon. Als zweites (nach Tomatenpflanzen) kaufte ich zwei schwarze Johannisbeeren. Leider war der Balkon so gar nicht für diese Sträucher geeignet, da nutzten auch große Kübel nichts. Also sind sie dann in den Garten bei meinen Eltern umgezogen. Dort haben sie sich sofort gut erholt und gleich im nächsten Jahr schön getragen. Leider habe ich ja über 650 km von zu Hause entfernt gewohnt und hatte nichts von der Ernte, ... dachte ich. Als ich dann Weihnachten nach Hause kam, stellte mir meine Mutter zwei Flaschen hin. Sie hatte die schwarzen Johannisbeeren in Alkohol "konserviert" 😅 Und so hatte ich dann noch lange Zeit etwas von "meiner" Ernte! Und in den folgenden Jahren bekam ich schwarzen Johannisbeersaft oder Gelee. Mittlerweile leben meine Eltern nicht mehr und im Garten spielen jetzt andere Kinder. Ob wohl die Johannisbeersträucher noch stehen... ? Das sind meine schönen, wenn auch ein wenig wehmütigen Erinnerungen an schwarze Johannisbeeren...”
Und in dieser Geschichte geriet der arme Johannisbeerstrauch ganz unverschuldet in Verruf:
“Vor langer Zeit, so um 1950, meine Schwester und ich fuhren mit unseren Großeltern zu Ostern in das schöne Elbtal in Richtung Dresden. An diesem Tag war es sehr warm und wir Kinder waren froh, unsere Reumaschlucht im Erzgebirge verlassen zu können. Onkel Kurt, Omas Bruder, empfing uns wie immer sehr erfreut. Noch mehr freute uns ein großer Johannisbeerstrauch, an dem statt Früchten viele kleine Osterhasen hingen. Doch wir Kinder mussten uns den allgemeinen Gepflogenheiten unterordnen. Erst Kaffeetrinken mit Westkaffee für Oma und Opa und Johannisbeersaft für uns und der Bericht, dass die glänzenden kleinen Hasen auch dem Westpaket mit entsprungen waren. Die Sonne schien und schien in dieser Zeit immer auf den Johannisbeerstrauch. Nun war es endlich soweit wir Kinder rannten zu Johannisbeerstrauch. Doch ach es hingen nur noch lange bunte Silberfäden am Strauch. Die Sonne hatte die Schokolade schmelzen lassen und alles war nach unten auf die Wiese getropft. Wie es weiterging weis ich heute nicht mehr. In meinem ganzen Leben konnte ich mich nicht so recht mehr mit Johannisbeeren anfreunden.”
Rückblickend auf eure Geschichten war der Beerengarten eurer Kindheit eine Mischung aus nervigem Übel und geselligem Abenteuerspielplatz mit viel Gekicher. Vielleicht liegt darin auch heute noch seine besondere Faszination. Ein Garten mit Beerensträuchern ist nicht nur produktiv bezogen auf die üppige Ernte der Früchte, hier können auch jede Menge unvergessliche Momente entstehen. Und mit modernen Beerensorten rebelliert der Gaumen der Pflückerinnen und Pflücker ja auch nicht mehr so sehr wie damals...
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