Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung:
· Die Pflanzengattung Narcissus wurde nach dem Mythos des Jünglings Narziss benannt, weil der Name seit der Antike etabliert war und Merkmale der Blume – geneigte Haltung, feuchte Standorte – symbolisch zum Mythos passen.
· In den Metamorphosen schildert Ovid die verwandelte Blume als »milchweiß« mit einer »purpurnen Krone«, was am ehesten zu Narcissus poeticus passt.
· Zwei Arten gelten als wahrscheinlichste mythische Narzissen: Narcissus poeticus (traditionell identifiziert, farblich passend) und Narcissus tazetta (in der Antike verbreitet, etymologische Verbindung zu »Betäubung«).
· Der Mythos erzählt, wie Narziss, verliebt in sein Spiegelbild an einer Quelle, zugrunde geht und an seiner Stelle eine Blume wächst – Sinnbild für Selbstbetrachtung und Sehnsucht.
· Narzissmus wurde erst ab 1898/1899 in die Psychiatrie eingeführt, von Freud ab 1910 zentral psychoanalytisch geprägt und 1980 als Persönlichkeitsstörung offiziell anerkannt.
Praxis-Tipps
Feuchte Plätze wählen: Narzissen lieben leicht nasse Standorte.
Duftsorten pflanzen: Poeticus- und Tazetta-Arten für Mythos & Duft.
Laub stehen lassen: Erst entfernen, wenn es komplett vergilbt ist.
Ovids antiker Mythos von Narziss
Narzissen sind mehr als Frühlingsboten. Naturbeobachtung und menschliche Sehnsucht brachten sie mit einem antiken Mythos in Verbindung. Schon die Griechen sahen in der anmutig geneigten Blüte eine stille Geste des Innehaltens, als würde sie sich über das Wasser beugen, um ihr eigenes Spiegelbild zu betrachten.
Bild: In der Natur wachsen Narzissen häufig am Rand der Gewässer, und neigen sich gelegentlich dabei ihrem Spiegelbild entgegen. Hier die Aufnahme einiger Narzissen bei der Selbstbetrachtung in der niederländischen Landschaft.
Diese Haltung erinnerte einige Autoren an den schönen Jüngling Narziss, der in Ovids Erzählung an einer klaren Quelle seinem eigenen Spiegelbild verfiel und schließlich in jene Blume verwandelt wurde. Der Mythos lässt sich wie folgt erzählen:
Der junge Narziss war von außergewöhnlicher Schönheit, und überall schwärmten Menschen von ihm. Doch so sehr sie ihn liebten, so wenig konnte er selbst lieben. Niemandem schenkte er sein Herz, niemandem seine Aufmerksamkeit. Eines Tages führte ihn sein Weg zu einer stillen, klaren Quelle im Wald. Das Wasser war so glatt, dass es wie ein Spiegel wirkte. Als Narziss sich darüber beugte, sah er ein Antlitz von vollkommener Schönheit auf der Oberfläche schimmern. Gebannt und voller Sehnsucht streckte er die Hände danach aus, doch das Bild zerfloss unter seinen Fingern. Er erkannte nicht, dass er sich selbst betrachtete, und konnte sich nicht von dem Anblick lösen. Tag für Tag verweilte er an der Quelle, gefangen in der Liebe zu seinem eigenen Spiegelbild, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. Dort, wo er zuletzt lag, wuchs wenig später eine zarte Blume mit einem nach unten geneigten Kopf aus der Erde.
Viele Autoren interpretieren seit der Antike die Narzisse als diejenige Blume, in die sich der junge Narziss verwandelte. Sie stehe seitdem an den Wasserrändern wie ein stilles Echo seines Schicksals.
Die Narzisse wird zur Blume des verwandelten Narziss
Im Mythos, zu lesen in den „Metamorphosen“ (Buch 3, Verse 509–510 und 512–515) wird die Blume, in die sich Narziss verwandelte, etwa so beschrieben:
An Stelle des Knaben fanden sie eine Blume, deren Kranz (corona) erst weiß war und nun purpurne Färbung zeigte.
Naturbeobachtung und Dichtung greifen hier auf bemerkenswerte Weise ineinander. Viele wildwachsende Narzissen-Arten bevorzugen feuchte Wiesen, Bachränder und Quellen, genau wie jener Ort, an denen der Mythos seinen dramatischen Höhepunkt findet.
In der Antike bezog man den Mythos nicht eindeutig auf eine bestimmte botanische Narzissen-Art. Dennoch lässt sich vermuten, welche Arten am wahrscheinlichsten gemeint waren:
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Kriterium |
Narcissus poeticus |
Narcissus tazetta |
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Botanische Merkmale |
Weiße Blütenblätter; kleine gelbe Nebenkrone mit rotem Rand; Einzelblüte; eleganter, geneigter Blütenstand; intensiver Duft |
Mehrblütige Dolden; weiße bis cremefarbene Blüten; gelbe Nebenkrone; sehr starker, süßlicher Duft |
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Gründe für die Identifikation mit der mythischen Blume |
• Ovids Beschreibung passt exakt: milchweiße Blätter und purpurne Krone. |
• Im antiken Griechenland besonders häufig – realer »Narkissos« für die Menschen der Zeit. |
Die Narzisse in der Renaissance
Die Botaniker der Renaissance griffen diese Verbindung zwischen der Frühlingsblume und dem antiken Mythos begeistert auf. In ihren Kräuterbüchern stellten sie die Pflanze häufig neben die Figur des mythischen Narziss, der sich über die Wasseroberfläche beugt, und schufen damit ein ikonisches Bild, das bis heute fortwirkt.
Als Linné im 18. Jahrhundert seine botanische Systematik entwickelte, entschied er sich bewusst dafür, den alten Namen zu bewahren. Narcissus war deshalb nicht einfach ein botanischer Begriff. Er wurde zu einem Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft und Verehrung für die Antike.
Geschichte der Narzissen, der Narzissmus und die moderne Psychiatrie
Der Zusammenhang zwischen dem Mythos von Narziss und dem Krankheitsbild des Narzissmus ist jung. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begannen Psychologen, den schönen Jüngling am Quellwasser als Bild für extreme Selbstbezogenheit zu verwenden. 1898 sprach der britische Psychologe Havelock Ellis erstmals von »narzisshaftem« Verhalten, und 1899 führte der deutsche Psychiater Paul Näcke den Begriff Narzissmus offiziell in die medizinische Sprache ein. Wirklich prägend wurde die Verbindung aber durch Sigmund Freud: Ab 1910 griff er den Mythos auf, um eine besondere Form der Selbstliebe und eine grundlegende Entwicklungsstufe der Psyche zu beschreiben. 1914 veröffentlichte er seine einflussreiche Abhandlung Zur Einführung des Narzißmus, die den Begriff dauerhaft in der Psychoanalyse verankerte. Erst viele Jahrzehnte später, 1980, wurde Narzissmus im DSM-III als eigenständige Persönlichkeitsstörung anerkannt, und damit zu einem offiziellen Krankheitsbild, das bis heute eng mit der alten Geschichte vom selbstverliebten Narziss verbunden bleibt.
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