Es ist nämlich zum „Aus der Haut fahren“.
Wer bin ich? Und wo bin ich? Und wer (ausser ich) glaubt mir noch, dass ich bin?
Gerade bekam ich 2 LinkedIn-Mitteilungen und ein halbes Dutzend WhatsApp-Chats. Immerhin wegen einer Japanreise. Der Outlook-Account läuft über. Ich habe ihn doch letzte Woche reparieren lassen, natürlich automatisch. Wann bricht er das nächste Mal zusammen? Vermutlich muss ich spätestens nächstes Jahr die KI antworten lassen.
Heute Vormittag versuchte ich, eine Mehrwertsteuerdeklaration zu machen (okay, in Deutschland muss ich das ja an den Steuerberater delegieren, der ganze Fabriken von Helfern beschäftigt). Aber in der Schweiz können wir das noch selber machen. Handschriftlich? Denkste! Sicher nicht!
Wenn du so schreibst, wie es dir über die Jahre zugewachsen ist – wäre das ja unfälschbar Aber wenn du jetzt digital etwas ausfüllen musst, dann darfst du zuerst deine Identität beweisen. Gefühlt mindestens 3-mal, bevor du zur eigentlichen Sache durchdringst. Und die Systeme müssen partout alle 4 Jahre gewechselt werden .
Es ist wirklich zum „Aus der Haut fahren“.
Aber wie komme ich in meine Haut zurück?
Ich versuche es mit der Methode, die ich am liebsten anwende: nichts tun und geniessen. Also eine Zigarre darf ich ja leider im neuen Büro nicht mehr rauchen. Aber just auf den Papierbergen links von der Tastatur liegen seit knapp einer Woche zwei Birnen. Notabene eine Versuchssorte aus der Züchtung: B1236/16. Habe ich vor 10 Jahren selektioniert.
Ich nehme die beiden Birnen aus dem Plastiksack, in dem sie sich gegenseitig über ihren Ethylenausstoss zur Reife antreiben sollen. Fast bis zum Ende. Ich habe mir bei den beiden seltsamen Birnen im Plastiksack auf den Papierstössen offensichtlich etwas gedacht.
Ich nehme die eine Birne in die Hand. Sie ist schön handgross, ich spüre eine angenehme Kühle. Der Stiel ist schon schwarz, vertrocknet. Er ist wohl bei der Ernte etwas angebrochen und ist so noch schneller gealtert als die Frucht, die er am Baum hielt.
Die sonst grüne Grundfarbe ist aufgehellt zu einem hellen, aber doch kühlen Gelb. Rund um die braun-grauen Lentizellen zeigen sich noch grünliche Restbestände, die sich auf dem Rückzug befinden.
Lentizellen sind Atmungspunkte, die vielen Nasen und Münder einer Baumfrucht. Und wie sie atmen!
Ich pfeife auf die gute Erziehung (ich weiss ja, warum ich mich gegen Grossraumbüros entschieden habe) und rieche an der Birne. Ganz nah, bis die Nasenspitze die Birnenhaut berührt. Immer wieder. Der Duft, der Atem der Birne, ist tatsächlich unübertreffbar: frische Birne, Williams-Schnaps, fast ohne Alkohol, der Inbegriff von Reife. Reife muss so riechen. Vielleicht auch Alter und Verfall?
Aber so weit sind wir noch nicht, die Birne jedenfalls nicht, vom vertrockneten Stiel abgesehen.
Für eine Birne ist die Oberfläche fast glatt, mit leichten Unregelmässigkeiten. Wie gesagt sind da die Lentizellen, die aber kaum zu spüren sind, zweioderdrei kleine Spuren mit Berostung, aber kaum der Rede wert. Die Schale fühlt sich immer noch kühl an, kühler als die Zimmertemperatur, und irgendwie feucht.
Ob hier schon wertvoller Birnensaft, das Elixier der Genussgötter, verdunstet, ob darunter das Fruchtfleisch gerade zusammenbricht und bald der Saft aus der Haut tritt. Ich würde fast schwören, dass ich auf der Birne so etwas wie Verdunstungskälte spüre.
Jetzt gilt es ernst. Es geht der Birne an den Kragen. Aber wie?
Christopher Lloyd, der grosse englische Autor und Gärtner, hat die Birnen ganz sicher geschält. Ein englischer Gentleman-Gärtner weiss schliesslich, was sich gehört.
Aber wie schaffte er es, eine Birne genau im richtigen Moment, kurz vor dem Zerfall, zu geniessen? Hatte er die Birne wie ich auf dem Schreibtisch, immer parat? Oder wie Schiller in der Schreibtischschublade. Goethe soll davon fast ohnmächtig geworden sein. Aber es gibt ja gar keine Schreibtischschubladen mehr.
Birnen schälen? Ich möchte auf die Haut der Birne, auf die Schale, nicht verzichten. Ich weiss, sie könnte sich widerständig zeigen, sie könnte das Erlebnis des Birnenzerfalls, des Birnenhöhepunkts schmälern, aber für mich ist die Schale einer Frucht, die Schale einer Tomate, eines Apfels, einer Tafeltraube ein Teil der Frucht, auf den ich nicht verzichten möchte.
Es ist die Schale, die der Frucht ihre Identität verleiht. Und wenn ich selber schon fast zerfliesse: Soll ich ausgerechnet die Fruchthaut entsorgen?
Der erste Schnitt, längs bis zur Mitte der Birne, fühlt sich leicht und weich an. Einmal bleibt das Sackmesser kurz an der Haut hängen. Man sieht schon die ersten Tröpfchen, die austreten.
Eine Mücke fühlt sich bemüssigt, meine Birnenmetzgerei aufzusuchen. Weg damit!
Der zweite Schnitt. Der Birnenschnitz ist frei, ich kann ihn mit der Sackmesserspitze aus der Frucht hebeln. Unten am Grund des Birnentals sammelt sich der Saft, die Schnittflächen glänzen, erste Spuren von Bräunung.
Darf man Birnen in einem modernen Büro essen? Sicher nicht. Unsauber, klebrig, viel zu süss! Gut, dass sich auf meinem Schreibtisch so viel Papier angesammelt hat: ein Tropfen für die Mehrwertsteuermahnung, ein Tröpfchen auf die Rechnung eines Notars. Papier ist geduldig und saugfähig.
Ich kann nicht anders, aber jetzt muss ich die Birne mit dem Mund essen, ohne Messerhilfe, eher schlürfen als essen. Mein Hemd…
Was für ein Erlebnis! Und es hinterlässt sogar Spuren!
Viele haben schon versucht, das Erlebnis einer reifen Birne zu beschreiben. Hier bei meinem Birnennnnkind (sorry, mein rechter Zeigfinger bleibt jetzt an der Tastatur kleben) ist es die süsse Saftigkeit und der reine, feine, klare Birnenduft, die alles dominieren. Tut mir ehrlich leid, dass mir kein anderer Vergleich, keine Metapher in den Sinn kommt, sondern nur die schlichtplumpe Bestätigung, dass die Birne nach Birne duftet. Eine Birne ist und bleibt eine Birne. Witzig, dass der Duft beides zu symbolisieren scheint: kühle Frische und Saftigkeit, aber auch das nahe Ende. Der Genuss des Herbstes.
Gut, dass ich die Haut nicht geschält habe! Wer bitte könnte eine Frucht so entblössen?
Die Haut reibt sich wie erwartet an meiner geniessenden Zunge, etwas rau, abgenutztes Schmirgelpapier, und sie gibt beim Kauen auch etwas Bitterstoffe ab.
Per aspera ad astra. Der süsse Saft wäre nicht so süss und himmlisch, gäbe es die deutliche Erinnerung der rauen Haut nicht.
Ich räume die Spuren des Birnengelages weg, rieche noch an der zweiten, noch ganz leicht härteren und grünlicheren Birne. Vielleicht ist es für sie doch noch einen Tag, vielleicht 36 Stunden zu früh. Ich lege sie auf den Ordner unter den Bildschirmen. Immer bereit.
Beim Aufräumen fällt mir auf, dass unter den Papieren mein roter Schweizerpass (und derjenige meiner Frau) zum Vorschein kommt. Ich will uns ja noch für eine Reise anmelden. Offenbar gibt es mich..
Um die Identitäts-App und die Mehrwertsteuer kümmere ich mich dann morgen.
Aber erst nach der zweiten Birne...
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