Inhaltsverzeichnis
- Als die Kiwi die Stachelbeere vom Teller verdrängte
- Die Stachelbeeren-Geschichte wird kulinarisch interessant
- Stachelbeeren-Winzlinge als Obst im Klostergarten
- Stachelbeeren in der Mittelalter-Küche:
- Stachelbeere statt Zitrone: Die kreative Küche der Renaissance
- Die gelierende Kraft der Stachelbeeren
- Was soll die Stachelbeere in der modernen Küche?
Zusammenfassung
Stachelbeeren waren lange Zeit unverzichtbar. Sie lieferten Früchte, die sowohl frisch gegessen als auch eingekocht werden konnten.
Vor allem in England entstand im 19. Jahrhundert eine regelrechte Stachelbeer-Manie, begleitet von Zuchtwettbewerben der „Gooseberry Clubs“, und ihrer gezielten Selektion auf Größe und später auch Geschmack.
Moderne Stachelbeerensorten berücksichtigten zunehmend Geschmack: süß, spritzig, fruchtig, blumig oder vinös. In Deutschland und der Schweiz wurde Aroma traditionell höher gewertet als reine Größe.
Alte grüne, unreife Sorten besitzen hohen Pektin- und Säuregehalt, vor allem in Schale und Kernen. Diese Eigenschaften machen sie ideal für Gelees, Marmeladen oder als Säurelieferant in Gerichten wie Makrele mit Stachelbeeren. Reife oder moderne süßere Sorten gelieren weniger gut. Spitzenköche in Nordeuropa nutzen die Stachelbeere wieder für Desserts, Saucen, Chutneys oder sogar Gins.
Praktische Tipps
Für Gelee oder Konfitüre: Mischung aus 70 % reifen roten oder gelben Beeren + 30 % grünen, halbreifen Beeren ergibt optimale Gelierkraft.
Wenn du Pektin extrahieren möchtest: Grüne, halbreife Früchte kurz (ca. 10 min) in Wasser mit 1 % Zitronensäure auskochen, filtrieren und den Saft als natürliches Geliermittel weiterverwenden.
Stachelbeeren ungewaschen einfrieren: Sie bleiben aromatisch und lassen sich direkt für Smoothies, Desserts oder Gelees verwenden, ohne matschig zu werden.
Als die Kiwi die Stachelbeere vom Teller verdrängte
Ich vergesse vieles, aber nicht meinen Erstkontakt zur „Chinesischen Stachelbeere“, auch Kiwi genannt. Das war in den frühen 1970ern. Meine Familie und ich saßen um einen Couch-Tisch herum, auf dem nichts weiter lag als diese borstige Riesenbeere. Es gingen einige Minuten ins Land, und keiner traute sich, den Anfang zu machen. Uns fehlte damals ja jede Kiwi-Erfahrung, denn die Früchte waren in den Supermärkten gerade erst neu aufgetaucht. Meine kulinarisch stets aufgeschlossene Oma meinte, sie habe gehört, dass diese komischen Früchte wie Stachelbeeren schmecken sollen. Ach, wie Stachelbeeren! Das klang vertraut, und endlich traute sich jemand, ein Messer in die Kiwi zu rammen.
Dass die Kiwi die gute alte Stachelbeere aus dem Supermarkt verdrängen konnte, hat sie nicht verdient. Nach dem Krieg in Deutschland spielte die Stachelbeere eine existenzielle Rolle. „Die Stachelbeere ist der unentbehrliche Strauch im Hausgarten; sie liefert frühzeitig Früchte und ist widerstandsfähig gegen Spätfröste.“, konnte man in Der praktische Gartenfreund, von 1956 lesen. Die Vorteile der Stachelbeeren:
- Sie trug regelmäßig und reichlich, selbst auf ausgelaugten Böden.
- Und sie war lager- und einkochfähig, ein wichtiges Kriterium, wenn Kühlung oder Frischobst knapp waren.
- Sie wächst in rauem Klima und fruchtet auch in kurzen Sommern.
Der Beerengarten hinterm Haus hielt alle gesund und am Leben. Noch lange bis in die 1970er Jahre stand das Glas Stachelbeergelee trotzig auf vielen Frühstückstischen, wie ein Mahnmal für Bodenständigkeit.
Wer heute eine käufliche Schale Stachelbeeren entdeckt, ahnt kaum, dass diese unscheinbaren Früchte einmal zu den begehrtesten und vielseitigsten Zutaten der europäischen Küche gehörten. Im 19. Jahrhundert wurde die Stachelbeere das, was die Avocado heute ist: modern, vielseitig, kulinarisch begehrt.
Bild: Die Stachelbeere Crispa® 'Solemio'® überzeugt durch Mehltautoleranz und extrem aromatischen Geschmack.
Die Stachelbeeren-Geschichte wird kulinarisch interessant
Die Stachelbeeren-Vielfalt im europäischen Hausgarten geht auf die Begeisterung für Stachelbeeren im 19. Jahrhundert zurück. In den Arbeitervierteln Nordenglands, in kleinen Hinterhöfen und Gemeinschaftsgärten, wetteiferten Männer darum, wer die größte, schwerste und prachtvollste Stachelbeere züchten konnte. Viele „Gooseberry Clubs“ entstanden, in denen Männer stolz ihre Wettbewerbs-Früchte auf die Waage legten, um zu gewinnen.
Diese männerdominierte Leidenschaft war mehr als ein Hobby. Die Züchter führten akribische Bücher, gaben ihren Sorten poetische Namen wie White Eagle oder Lancashire Lad, und schufen durch geduldige Selektion Hunderte neuer Sorten. Für einen Moment war die Stachelbeere Symbol des Fortschritts, des Selbstbewusstseins – und des Glaubens, dass selbst die kleinste Frucht Großes hervorbringen kann.
Anfangs lag das Hauptaugenmerk ganz auf Fruchtgröße. Erst ab etwa 1840 begannen Pomologen, den Geschmack stärker zu würdigen. Nun tauchten Beschreibungen wie sweet, rich, brisk, pleasantly tart oder high-flavoured auf, die zeigten, dass man zunehmend auf Aroma achtete. Das galt besonders bei Sorten, die nicht für Wettbewerbe, sondern für den Hausgebrauch oder den Wochenmarkt bestimmt waren.
Im Festlandeuropa stand der Geschmack traditionell höher im Kurs als die Größe. So wurde das Aroma zwar erst spät als Zuchtziel anerkannt, gewann jedoch zunehmend an Bedeutung.
Bild: Die Stachelbeere Easycrisp® 'Mr. Green'® trägt runde unbehaarte Früchte, gross und hellgrün.
Hier ist eine übersichtliche Tabelle mit den wichtigsten Aromen der Stachelbeere, wie sie in historischen und modernen Beurteilungen der Beerenqualität genutzt werden.
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Aromakategorie |
Beschreibung der Aromen |
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Fruchtig |
Erinnert an Apfel, Trauben. Ananas, Kiwi, schwarze Johannisbeere |
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Säuerlich / spritzig |
Zitrus-, Apfelsäure-, Weinsäure-Noten |
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Süßlich |
Zucker-, Honig- oder leichte Karamellnote |
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Blumig / parfümiert |
Rosenartig, Veilchen, leicht moschusartig |
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Weinartig / vinös |
Reife Trauben, leichte Fermentnoten |
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Grün / frisch |
Grasig, frisch, leicht herb |
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Moschus / würzig |
Leicht animalisch, würzig |
Da die Wurzeln der Stachelbeere bis ins frühe Mittelalter zurückreichen, habe ich mich gefragt: Was machte man damals mit Stachelbeeren, die all diese spannenden Aromen noch nicht erkennen ließen?
Stachelbeeren-Winzlinge als Obst im Klostergarten
Die Stachelbeeren des Mittelalters waren deutlich kleiner und wilder als heutige Kulturformen. Botanisch handelte es sich um halbwilde Formen der Ribes uva-crispa, die von den Waldrändern in Mitteleuropa stammten und in Klostergärten kultiviert wurden. Doch wie muss man sich diese Früchte vorstellen? Archäobotanische Funde und schriftliche Quellen zeigen, wie sehr sie sich von einer modernen Lubera-Sorte unterschieden.
Stachelbeeren in der Mittelalter-Küche:
- Durchmesser der Beeren: etwa 0,8 bis 1,2 cm (bei modernen Lubera Sorten bis 4 cm).
- Einzelgewicht: 0,5 bis 1,5 g (heute: weit über 3g).
- Schale: sehr dick und behaart, grün bis gelblich.
- Samen: zahlreich, relativ groß im Verhältnis zum Fruchtfleisch.
Ein anschaulicher Vergleich: Eine mittelalterliche Stachelbeere entsprach in etwa der Größe einer kleinen Erbse oder einer Johannisbeere. Gegessen wurden sie trotzdem, wohl auch, weil sie im Frühjahr zu den ersten Früchten im Jahr gehörten.
Bild: Die Stachelbeere Crispa® 'Goldling'® trägt riesige senfgelbe Früchte mit goldenen Adern.
Stachelbeere statt Zitrone: Die kreative Küche der Renaissance
Im 16. Jahrhundert fand die Stachelbeere ihren Weg in bürgerliche und adelige Küchen. Die alten Beeren hatten einen sehr hohen Anteil an Apfel- und Zitronensäure (bis zu 3 %), während Zucker nur in Spuren vorkam. Das führte zu einem markant säuerlichen, fast zitronigen Geschmack. Das kannst du dir vorstellen wie einen Biss in unreife Äpfel oder Rhabarber.
In alten Rezeptbücher, etwa dem „Kochbuch der Sabina Welserin“ (1553), taucht sie als „agrast“ oder „Stechelebeer“ auf, verarbeitet zu delikaten Saucen und Mus. Ihr säuerlicher Charakter machte sie damals zur idealen Begleiterin für Fisch und Fleisch. Sie wurde ähnlich verwendet wie wir es heute mit Wein oder Zitrone tun
In der englischen und französischen Küche wird sie heute noch ähnlich als Säurelieferant verwendet. Chef Markus hat sich ein solches Gericht auf englischem Boden gegönnt und schreibt dazu im Gartenbuch: „Makrele, getoppt mit eingelegten Stachelbeeren, auf einem Beet von Kartoffelsalat. Delicious!“
Bild: Unreife Früchte von altmodischen Stachelbeersorten mit viel Säure und fester Schale eignen sich perfekt für Makrele mit Stachelbeeren.
Die richtige Stachelbeere für die Zubereitung mit Makrele hat eine feste Schale. Dazu ist ein relativ hoher Säuregehalt bei moderater Süße ist wichtig, um das Zusammenspiel mit dem fetten Fisch geschmacklich auszugleichen. Das beschreibt zugleich Stachelbeerensorten, wie sie damals, als das Gericht im 17. und 18 Jahrhundert erfunden wurde, im Garten wuchsen.
Die gelierende Kraft der Stachelbeeren
Hast du schon einmal erlebt, wie sich ein Topf mit Stachelbeeren beim Kochen langsam von klarer Flüssigkeit in eine Gelee-Masse verwandelt? Dann hast du wahrscheinlich eine Vorstellung davon, warum diese Früchte über Jahrhunderte einen festen Platz in Küche hatten. Bevor Gelierzucker erfunden wurde, war die Stachelbeere das natürliche Bindemittel. Eine Stachelbeere war eine Frucht, die nicht nur schmecken sollte, sondern auch arbeiten musste.
In einer Zeit ohne industriellen Gelierzucker war das ein Segen. Eine Handvoll grüner, unreifer Stachelbeeren konnte einen ganzen Topf Erdbeermarmelade binden – ein kleines Stück Alchemie in der Küche.
Die besondere Stärke alter Stachelbeersorten liegt in ihrem hohen Pektin-Gehalt, einem pflanzlichen Gelierstoff, vor allem in Schale und Kernen.
Säure aktiviert das Pektin beim Erhitzen. Dadurch bilden Stachelbeeren beim Kochen eine stabile Gelstruktur. Moderne Zuchtsorten und reife Früchte sind weniger sauer, und enthalten auch weniger Pektin, wodurch die natürliche Gelierkraft abnimmt.
Besonders hoch ist der Pektingehalt in unreifen Früchten. Solange die Beeren noch grün sind, steckt ihr Fruchtfleisch voller sogenanntem Protopektin, einer stabilen Vorstufe des löslichen Pektins. Wenn die Beeren dagegen reifen und sich ihr Zuckeranteil erhöht, wird das Fruchtfleisch weicher, und ein Teil des Pektins wird abgebaut. Das Resultat: aromatische Früchte, die aber weniger „gelierfreudig“ reagieren.
Besonders die grünen Sorten behalten diese Eigenschaft auch im reiferen Stadium. Sie sind die technologisch zuverlässigsten unter den Stachelbeeren. Wer also noch Platz für einen grünfrüchtigen Strauch im Garten hat, kann sich diese kleine, unterschätzte Königin des Pektins zurückholen.
Man hat festgestellt, dass die Farbstoffe (Anthocyane) in roten Sorten dagegen mit abnehmendem Pektin korrelieren.
Bild: Die Stachelbeere Easycrisp® 'Lady Late' trägt sehr grosse dunkelrote Früchte.
Was soll die Stachelbeere in der modernen Küche?
In der modernen Küche verwenden Spitzenköche und Pâtissiers in England, Dänemark, Schweden oder Finnland die Stachelbeeren wieder vermehrt in feinen Sorbets, Chutneys, Saucen und Desserts. In England taucht sie sogar in Gins auf.
Und im Garten? Da warten wir noch darauf, dass ihr mit uns zusammen das Stachelbeer-Comeback gestaltet.
Ab den 1980ern wurde die Kiwi als bessere Stachelbeere angesehen. Eine Kiwi galt als „tropische Stachelbeere“, als moderne, süßere Schwester der heimischen Frucht.
Dabei war die Stachelbeere immer eine ehrliche Arbeiterin in der Küche. Wir haben mit ihnen aromatische Früchte mit Ecken, Kanten und Seele. Wer sie wieder in den Garten pflanzt, entdeckt nicht nur eine hocharomatische Frucht, sondern ein Stück europäischer Küchengeschichte. Die moderne Züchtung hat sie kulinarisch wesentlich interessanter werden lassen als jede Kiwi.
Du glaubst das nicht? Teste es im Garten aus, pflanze Stachelbeeren-Sträucher und berichte uns davon!
Bild: Die Stachelbeersorte Crispa® 'Greenling'® ist ideal für den Direktverzehr, aber auch sehr gut für Kuchen und zum Einmachen geeignet.
Lubera Originale sind exklusive Lubera® Sorten, die von Lubera entweder gezüchtet oder erstmals auf den Markt gebracht worden sind.
Wer Lubera Originale kauft, bekommt die doppelten Tells®-Äpfel (=Rabatte für die nächste Bestellung) gutgeschrieben.
Beim Kauf dieser von Lubera gezüchteten Lubera Original-Pflanze erhalten Sie die doppelten Tells gutgeschrieben.
Tells® werden grundsätzlich aufgrund des fakturierten Nettobetrags berechnet (1 Tells für volle 25 Euro/sFr).
Bei doppelten Tells wird am Schluss nochmals der Wert der Tells-Originale dazugerechnet und die neue Summe für die Berechnung der Tells benutzt.