Zusammenfassung
Eine neue Apfelsorte zu züchten, dauert rund 20 Jahre – und manchmal noch viel länger. Von der Kreuzung über die erste Selektion bis zur Taufe durchläuft ein Apfel mehrere Geburten und kann dabei jederzeit wieder verschwinden. Von 20'000 Sämlingen bleiben am Ende vielleicht ein oder zwei Zuchtnummern übrig, die überhaupt das Potenzial für eine neue Sorte haben. Und selbst dann beginnt das eigentliche Leben erst: Ob eine Sorte zehn, zwanzig oder hundert Jahre später noch begeistert, entscheidet letztlich nicht der Züchter, sondern der Markt und der Geschmack der nächsten Generation.
Die kurze Antwort: 20 Jahre
Kurz und knapp zusammengefasst, dauert die Züchtung einer neuen Apfelsorte knapp 20 Jahre: Beim Taufapfel 1157/15 sind es 18 Jahre, beim Redlove 1485/18 sind es 15 Jahre. Bis wir genügend Pflanzen haben, um wirklich in den Markt zu kommen, wird es nochmals ca. 2 Jahre gehen; ob sich für die eine oder andere Sorte ein Markt im Erwerbsanbau, in der Produktion von Tafeläpfeln für den Handel und die Ketten, auftut, das wird sich in 5–8 Jahren zeigen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber eher klein. Warum? Weil es aufgrund der vielen Züchtungsprogramme, die nicht ihre vollen Kosten zahlen und von Universitäten oder direkt vom Staat unterhalten werden, ein sehr grosses Überangebot an neuen Sorten gibt; und weil umgekehrt der Markt gar nicht so viele neue Sorten aufnehmen kann, da jede Sorte als Marke, als Brand, bis zum Endkonsumenten eingeführt werden muss, was sehr aufwändig ist.
Die Züchtungsgeschichte unserer beiden Apfeltäuflinge
Im Folgenden zeige ich ziemlich genau die Entstehungsgeschichte der beiden zu taufenden Sorten. Sie kann über unsere Züchtungsaufschriebe und auch Fotos belegt werden. Aber ganz ehrlich: Irgendwo da ganz am Anfang, z.B bei der Kreuzung, könnte das richtige Jahr auch leicht verschoben sein. Ganz genau stimmt immer das Datum der Erstbeschreibung in der Sämlingsstufe, da hier jede Zeile des Formulars datiert ist.
Der Lubera Paradisapfel 1157/15
- 2008 Kreuzung Paradis Myra x Kanzi (Paradis Myra = Resi x Delbard Jubilé)
- 2009 Sämling im Topf, Schorftest
- 2010/11 Veredlung auf M9, Winterhandveredelung, 2 Jahre in der Baumschule
- 2012-2017 Erste Züchtungsstufe Buchs (1 Baum pro Sorte)
- 20.9.2015 Selektion und zweite Geburt in Buchs als Nr. 1157/15
- Aroma: 9 von 9 Punkten
- Overall/Senkrechtstarterindex: 9 von 9 Punkten
- Original-Notiz: «wunderschön, Pink Lady», «fest, relativ viel Säure, aber gut»
- 2016/17 Vermehrung von 10-15 Bäumen, 2 Jahre Baumschule in Buchs
- 2018 bis heute 2. Selektionsstufe in Felben
- 2023 Oktober/November: Dritte Wiedergeburt der lange übersehenen Sorte 1157/15
- 2026 10. Oktober: Apfeltaufe zum 100. Jubiläum des Baumwärterverbandes Vorarlberg (Baumwärter Fachverband Vorarlberg)
Der Lubera Redlove-Apfel 1485/18
- 2011 Kreuzung Redlove Odysso x ??? (Odysso = rotfleischige Zuchtnummer x Resista)
- 2012 Sämling im Topf, Schorftest
- 2013/14 Veredlung auf M9, 2 Jahre in der Baumschule
- 2015–2019 Erste Züchtungsstufe Erzenholz (Felben/Frauenfeld) – 1 Baum pro Sorte/Genotyp
- Geschmack 9 von 9 Punkten
- Overall/Senkrechtstarterindex 9 von 9 Punkten
- Originalnotiz: «reif, sehr süss, aromatisch, gute Grösse»
- 10.9.2018 Selektion und zweite Geburt im Erzenholz bei Frauenfeld
- 2019/2020 Vermehrung von 10–15 Bäumen, 2 Jahre Baumschule in Buchs
- 2021–2026 (bis heute): 2. Selektionsstufe Felben
- 10.10.2026 Apfeltaufe zum 100. Jubiläum des Baumwärterverbandes Vorarlberg (Baumwärter Fachverband Vorarlberg)
Die lange Antwort: Meistens geht es noch viel länger
Ich persönlich habe zu Beginn der 90er-Jahre mit dem Apfelzüchten begonnen, für mich sind diese Zeiträume von 15–30 Jahren gut überschaubar – nicht zuletzt, weil es ja Abschnitte meines Lebens sind. Aber die Zeiträume sind objektiv schon sehr lang. Man rechnet eine Menschengeneration alle 20–30 Jahre (ok, bei uns in Mitteleuropa hat sich das etwas verlangsamt), aber am Ende wird ein Apfel auf ein Publikum treffen, das sich von der Züchtergeneration stark unterscheidet. Werden dann die Ziele und Züchtungsschwerpunkte von der empfangenden Generation noch geteilt oder hat sich der Apfelgeschmack, haben sich die Apfelbedürfnisse und die Vorlieben des Publikums nach 20–30 Jahren schon stark verändert?
Die Geschichte von Honeycrisp
Es gibt viele anekdotische Geschichten, die diese Hypothese stützen: So zum Beispiel über Honeycrisp/Honeycrunch®. Honeycrisp wurde vermutlich um 1960 gekreuzt, die Eltern waren typischerweise lange unbekannt. Neue genetische Untersuchungen tippen auf Keepsake x MN1627. 1974 wird in der Kreuzungsfamilie (welche auch immer es war…) die Nummer MN1711 erstmals als interessante Selektion erkannt. Aber dann gab es Frostschäden, die gesamte Familie wäre fast weggeworfen, zerstört worden.
1982 übernimmt der junge Züchter David Bedford die Züchtungsarbeit an der Universität von Minnesota und ist sofort von MN1711 begeistert. Er gibt der verschupften und schon fast kompostierten Selektion eine zweite oder dritte Chance, da er von der neuartigen und sehr leicht zu essenden Textur (Crunchiness) überzeugt ist.
1991 kommt die Sorte auf den Markt, setzt sich aber nur in Nischen durch. Die Sorte gilt schnell als heikel und schwierig anzubauen, ihr wird eine begrenzte Anpassungsfähigkeit nachgesagt. Erste Pflanzungen in Washington werden sogar wieder gerodet. Die Produktionskosten seien viel zu hoch.
Aber dann explodiert die Sorte in den 2000er-Jahren: Aus den 300 Acres von 2001 in Washington State werden bis 2011 9000 Acre, aktuell werden es wohl über 20'000 Acres sein. Der Grund: Die Konsumenten sind bereit, für diese Sorte, die so deutlich besser ist als Red Delicious, auch deutlich höhere Preise zu zahlen.
Zurück zu unseren noch jungen Zuchtnummern
Aber so weit sind wir ja noch lange nicht. Im Vergleich sind wir im Jahre 1991 bei Honeycrisp, und die Sorten werden ja am Samstag (übermorgen) gerade mal erst benannt und getauft. Dennoch zeigt ihre noch junge Geschichte ganz gut, was in der langen Züchtungsgeschichte so alles passieren kann und welchen langen Weg sie zurücklegen mussten, um nur so weit zu kommen…
Alles, was schiefgehen kann, geht schief…
Die lange Züchtungszeit führt ja gerade dazu, dass auch vieles schiefgehen kann: Bei Honeycrisp wusste plötzlich niemand mehr so richtig, was die zugrundeliegende Kreuzung war: einmal ein Blatt vertauscht, einmal falsch in den Computer eingetippt, einmal nicht richtig hingeschaut… Das ist leider bei uns nicht besser als bei der University of Minnesota: Bei 1485/18 wissen wir leider nicht mehr, wer der Vater und Pollengeber war – soll ja manchmal passieren. Sicher ist die Mutter Redlove Odysso. Und auch bei 1157/15 ist unsere Selektion ziemlich anders als die anderen Geschwister, aber bis zum Beweis des Gegenteils gehen wir mal davon aus, dass hier die familiäre Zuordnung (Myra x Kanzi) richtig ist.
Ach ja: Da hatte ich ja gerade erwähnt, dass Honeycrisp wegen schlechtem Kulturzustand und einem Jahrhundertwinter fast aus den Rängen geflogen wäre. Bei 1159/15 war das Malheur einfacher und eher peinlicher: Wir sind schlicht und einfach im Oktober zu selten durch die Züchtungsreihen gelaufen und haben deshalb die spätreifende Selektion einige Jahre übersehen. Ihre besten Geschwister, die vielleicht auch Sorten werden (1162/15 und 1168/15), hatten wir da schon längst selektioniert. Ganz einfach, weil sie früher ausreifen und weil es Mitte bis Ende September auf dem Apfelfeld deutlich angenehmer ist als im manchmal nassen und schon kalten Oktober… Auch Apfelzüchter kommen nicht ganz ohne Bequemlichkeit aus!
Wie viele Sorten/Selektionen bleiben am Schluss übrig?
Zum ersten Mal wird eine potentielle Sorte in unserem Züchtungsprogramm kurz beschrieben, wenn ein Genotyp, letztlich 1 Baum, selektioniert wird. In einer Familie mit den gleichen Eltern werden nur diejenigen Geschwister beschrieben, die positiv auffallen. In der Regel sind das 0,5 bis 2 % der Anfangsanzahl.
In klaren Zahlen: Von 20'000 Sämlingen werden 100 bis 200 beschrieben und für eine zweite Testungsstufe selektioniert. Und in der zweiten Testungsstufe wiederholt sich der Vorgang: Es bleiben halt wieder ca. 0,5% bis 2% der Sortennummern in der zweiten Prüfungsstufe übrig, die dann vielleicht einmal Sorten werden.
Wichtig ist ja dann auch, dass wir Züchter einen Verwendungszweck und Kunden dafür finden. Hier sind wir bei Lubera in der privilegierten Situation, dass wir die ersten Bäume gleich direkt unseren Gartenkunden in ganz Europa anbieten können. Damit ist die Chance einer Zuchtnummer bei uns viel grösser, wenigstens in einigen 1'000 Exemplaren angebaut zu werden. Aber ich habe schon viele Male das Flehen und Hoffen unserer Sorten gehört: Wir möchten auch einmal Millionen-fach angebaut werden...
Der erste Eindruck
Auffällig ist, dass retrospektiv der erste Eindruck meistens sehr genau stimmt, dass wir Züchter in der Minute, in der wir auf dem Feld einige Notizen auf ein Blatt werfen oder in ein Tablet hämmern, ziemlich instinktsicher die wichtigen Punkte und Vorteile einer Sorte treffen. Das heisst aber nicht, dass wir immer richtig liegen.
Aber wenn wir uns schlussendlich für eine Sorte (und Morgen für eine Sortentaufe) entscheiden und dann 10 Jahre zurückgehen und die Erstbeschreibung im Sämlingsfeld suchen, dann muss ich manchmal selber ob der Treffsicherheit staunen (wenn ich meine Notizen überhaupt noch lesen kann).
Bild: Alte Notizen vom Züchtungsfeld... die Klaue des - lassen wir das - ist allerdings so unleserlich, dass es fast als forensische Aufgabe gesehen werden muss...
Die mindestens drei Geburten einer Apfelsorte
Am Ende erlebt jede Apfelsorte mindestens 3 Geburten oder Wiedergeburten. Und jede einzelne kann schiefgehen, der beste Apfel kann übersehen werden, weil er immer im falschen Moment probiert wurde. Oder die Züchter sind gerade bei dieser bemitleidenswerten Sorte auf ihren wöchentlichen Durchgängen durchs Feld schon so apfelgesättigt, dass ihnen einfach nichts mehr schmeckt…
Die erste Geburt ist die Befruchtung, heutzutage meistens kontrolliert. Der Pollen der Vatersorte wird auf die Mutterblüte gebracht, der Ast oder der ganze Baum wird eingepackt (um unkontrollierte Befruchtung durch Insekten zu verhindern), und aus jedem Kern entsteht grundsätzlich eine neue Sorte.
Bild: Pollen der Vatersorte wird auf die Mutterblüten gebracht.
Bild: Danach werden die Bäume eingepackt, um Fremdbefruchtung zu verhindern.
Die zweite Geburt findet bei der Selektion im Sämlingsfeld statt: Hier hat ein Baum nur eine Chance, eine Runde weiterzukommen, wenn der Züchter innehält, probiert, eine kurze Sortenbeschreibung verfasst und schliesslich den Baum mit einer Zuchtnummer versieht, die es nur einmal gibt. Ja genau die, die jetzt auch unsere Täuflinge mangels Namen noch tragen: 1485/18, 1157/15
Aber schliesslich ist alles für die Katz, wenn die prospektive Sorte nicht 5–10 Jahre später zu den Selektionen gehört, die in der zweiten Züchtungsstufe (10–15 Bäume pro Genotyp) überzeugten und in die Evaluation als eigentlich Sorte kommen. Da werden dann die grundlegenden Fragen gestellt: Was unterscheidet die vorgeschlagenen Sorten von der ganzen Apfelwelt. Welche Sorte im Lubera-Sortiment oder im Weltsortiment könnte sie ersetzen (Think/dream big ist die wichtigste Überlebensstrategie für Züchter). Und kann die Apfelsorte auch gut und genügend günstig produziert werden? Gibt es spezielle Anfälligkeiten/Resistenzen? Alterniert die Kandidatensorte, etcpp? Die Fragen hören gar nicht mehr auf – aber irgendwann darf man gar nicht mehr zuhören und muss entscheiden: DU bist jetzt eine Sorte! (Oder auch nicht…)
Wo könnte man beschleunigen?
Als Züchter fragt man sich natürlich, ob man diesen langwierigen Prozess nicht beschleunigen könnte. Wenn ja retrospektiv die Originalbeschreibungen so gut und treffend sind, könnte man nicht da schon schneller und endgültiger entscheiden. Agronomisch wäre das natürlich ziemlich unseriös, aber zweifellos effizienter.
Das Problem besteht aber darin, dass zwar die am Schluss aufs Podest gehobenen Sorten meist schon in der Erstbeschreibung brillierten (das scheint wirklich ziemlich eindeutig so zu sein, wenn die Züchter ihre Erfahrung ausspielen), aber lange nicht alle guten Erstbeschreibungen sind am Schluss so gut wie erwartet. Also braucht es Zeit und mehrere Bäume, allenfalls sogar mehrere Standorte, um den Wert einer Sorte zu eruieren.
Dennoch ist es möglich, sich in der ersten Stufe auf Superfavoriten, sogenannte Senkrechtstarter, zu konzentrieren und diese dann schneller zu entwickeln, z. B. auch früher schon für neue Kreuzungen zu benutzen. Allerdings führt dies zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten im gleichen Züchtungsprogramm und zu deutlich mehr Organisationsaufwand.
Natürlich kann die Generationsgeschwindigkeit auf ca. 5–10 Jahre beschleunigt werden, wenn man sich eher im Prebreeding befindet, wenn also wichtige agronomische Eigenschaften gezüchtet und in Zuchtnummern kombiniert werden sollen. Dann ist ja nur mit molekularen Markern zu überprüfen, ob die angestrebten Eigenschaften (z.B. unterschiedliche Arten von Schorfresistenzen) vorhanden sind, und dann kann der beste Apfel mit all den gewünschten Eigenschaften für die Züchtung und weitere Einkreuzungen benutzt werden.
Und nach der Taufe beginnt das Leben...
Das ist vielleicht das Wichtigste – und auch die Folgerungen aus den Lektionen, die einige 100 Jahre Apfelgeschichte und 200 Jahre Apfelzüchtungsgeschichte lehren: Das Apfelleben beginnt mit der Taufe – und eigentlich können wir nie wirklich wissen, welchen Weg eine neue Sorte nehmen wird.
Lubera Originale sind exklusive Lubera® Sorten, die von Lubera entweder gezüchtet oder erstmals auf den Markt gebracht worden sind.
Wer Lubera Originale kauft, bekommt die doppelten Tells®-Äpfel (=Rabatte für die nächste Bestellung) gutgeschrieben.
Beim Kauf dieser von Lubera gezüchteten Lubera Original-Pflanze erhalten Sie die doppelten Tells gutgeschrieben.
Tells® werden grundsätzlich aufgrund des fakturierten Nettobetrags berechnet (1 Tells für volle 25 Euro/sFr).
Bei doppelten Tells wird am Schluss nochmals der Wert der Tells-Originale dazugerechnet und die neue Summe für die Berechnung der Tells benutzt.