Erstens: Ja, es gibt auch süsse Johannisbeeren.
Zweitens: Ein holländisches Gewächshaus hat mindestens drei Leben.
Und drittens: Aber das mit dem Todesfall erkläre ich später.
Die Holländer, der Gartenbau und die Landwirtschaft
Eigentlich habe ich noch nie richtig begriffen, warum die Niederlande im Gartenbau und in der Landwirtschaft so ausserordentlich erfolgreich sind.
Eigentlich spricht einiges dagegen: Die Niederlande liegen ziemlich weit im Norden, haben relativ wenig Sonnenschein, grosse Teile des Landes liegen unter dem Meeresspiegel, die Produktionskosten sind hoch, die Bevölkerungsdichte ist noch höher – und die Löhne liegen 30 bis 50 Prozent über denen in Deutschland.
Auch die Regulierungsdichte habe ich schon einmal selber erfahren. Als wir vor 15 Jahren einen Standort in der EU gesucht haben, standen das Ammerland und Holland in der Endauswahl. Was mich schliesslich für Deutschland entscheiden lässt: Der Makler für den holländischen Betrieb und immer mehr Holländer sprechen gar kein Deutsch, auch wenn sie nur zehn Kilometer von der Grenze entfernt wohnen. Vor allem aber sind die Um- und Anpassungsmöglichkeiten auf einer Parzelle sehr begrenzt. Deutschland, mindestens Niedersachsen, ist da viel liberaler als die Niederlande.
Fast jeder würde das Gegenteil erwarten.
Aber warum sind die Holländer trotzdem so erfolgreich?
Es ist eben gerade der Enge-Stress, der dazu zwingt, jede Fläche optimal zu nutzen.
Die Holländer setzen schon seit langer Zeit auf die Landwirtschaft – für sie ist sie eine Industrie wie jede andere auch. Das klassische Erbhofdenken ist weniger ausgeprägt. Der Zugang zu Kapital ist sehr gut, gleichzeitig ist der Verschuldungsgrad entsprechend hoch. Es gibt spezielle Banken, die vor allem die Landwirtschaft finanzieren.
Im Zweifelsfall kann man also mit weniger Eigenkapital und mehr Fremdkapital arbeiten als in Deutschland.
Die Folge: Es gibt mehr Pleiten, mehr Hofverkäufe – aber eben auch mehr Erfolgsfälle.
Die Ausfallrate macht die Branche kompetitiv.
Die Tomatenpleite – Brombeeren und Johannisbeeren als Ersatz
Meine Gastgeber in Holland, Anton und Anco van Garderen, Vater und Sohn, wollen uns ihr Gewächshaus zeigen. Neben ihren Freilandkulturen bauen sie neuerdings auch Johannisbeeren und Brombeeren im Glashaus an.
Ja, in seinem ersten Leben hat das Gewächshaus Tomaten produziert
Dann geht der Absatz zurück, der Preis sinkt oder stagniert, die Energiekosten steigen – und irgendwann rechnet sich das Ganze nicht mehr.
Der Tomatenanbauer hört auf, macht wohl Pleite, und ein Investor kauft das gesamte Gewächshaus mit einigen Hektaren Fläche.
Das zweite Leben des Gewächshauses: Meine Gastgeber bauen darin jetzt Johannisbeeren und Brombeeren an – Kulturen, die man nun wirklich nicht als Erstes mit einem Gewächshaus verbindet.
Der Grund ist einfach: Im Gewächshaus lässt sich die Kultur so steuern, dass man genau dann ernten kann, wenn die Preise am besten sind.
Und noch etwas: Im Gewächshaus kann man Drosophila suzukii, die Suzukii-Fruchtfliege, draussen halten. Die gefürchtete Kirschessigfliege kommt so nicht an die Früchte ran und kann dort keine grossen Schäden anrichten.
Und die Johannisbeeren? Eigentlich bekommen sie über den Winter im Gewächshaus zu wenig Kälte. In einem milden Jahr im Garten führt das zu einem unregelmässigen Austrieb. Hier im Gewächshaus führt es aber zu deutlich längeren Johannisbeertrauben...
Aktuell bauen Anton und Anco eine Brombeer-Sorte namens «Von» an. Sorry, die haben wir leider nicht bei Lubera, obwohl sie eigentlich fast schon in eine Floristikabteilung gehört. Sie behält nämlich während der Fruchtentwicklung gegen jeden Usus auch ihre Petalen, ihre Blütenblätter. Weiss beschwingte grüne Brombeeren.
«Wäre das nicht etwas für den Garten?», frage ich.
Das dritte Leben des Gewächshauses: Schrebergartenbau
«Gartenamateure», lacht Anton, der jüngere der beiden Gastgeber. «Davon kannst du gern noch mehr haben.»
Dann öffnet er schwungvoll die Tür zum nächsten Gewächshauskomplex.
Dort stehen einige hundert Schrebergärten.
Mikro-Schrebergärten. Jeder 70 bis 100 Quadratmeter gross.
Ja, Schrebergärten im Gewächshaus.
Natürlich verzichtet Anton nicht darauf, über die vermutete Rentabilität dieses Geschäftsmodells genüsslich mit der Zunge zu schnalzen.
Und die Gärten – die verglasten Gärten von Eden in der holländischen Tiefstebene – sind tatsächlich eine Augenweide.
Voll mit Pflanzen. Zu 95 Prozent perfekt gepflegt. Viele bekannte Pflanzen, aber auch eine ungewöhnlich hohe Zahl an Exoten. Was vielleicht damit zusammenhängt, dass viele Holländer aus den ehemaligen Kolonien stammen und sich in diesen Gärten ein kleines Stück ihrer alten Heimat schaffen.
Das Gewächshaus hat also sein drittes Leben gefunden: Auf Tomaten und Brombeeren folgen Schrebergärten.
Aber dann erzählt mir Anton, der Vater von Anco, noch eine weitere Geschichte.
Die Beerdigung
Ein Gärtner ist gestorben.
Aber er verfügt testamentarisch, dass er vor seiner Beerdigung noch einmal seinen Garten besuchen möchte.
Nicht etwa symbolisch.
Nicht für fünf Minuten.
Er will wirklich noch einmal dorthin.
Mindestens eine Stunde.
Und so geschieht es.
Der Tote kehrt noch einmal in seinen Garten Eden zurück.
Die Geschichte wird für einen Moment ganz besinnlich. Na ja – so besinnlich, wie eine Gruppe von Gärtnern das eben zustande bringt.
Und was erzählt Jamie, der Schotte?
Eigentlich wäre die Geschichte jetzt zu Ende.
Ein Happy End.
Ein Gewächshaus bekommt ein neues Leben, die Schrebergärtner bekommen ihren Garten – und ein Gärtner darf sogar nach seinem Tod noch einmal in seinen Paradiesgarten zurück.
Aber mein schottischer Kollege Jamie spinnt die Geschichte ziemlich unbarmherzig weiter.
Irgendwie läuft bei ihm eine Assoziationskette. Und er landet beim Kompostieren.
Kürzlich, erzählt er, habe er an einer Forschungsstation eine Anfrage bearbeitet, wie sich ein Krematorium kostengünstiger und energieeffizienter gestalten liesse.
Er machte sich - zusammen mit dem anvisierten Kunden - Gedanken darüber, wie man menschliche Körper innerhalb von 30 Tagen kompostieren könnte.
Dann stoppt Jamie, weil er erkennt: Niemand möchte wirklich mehr hören…
Wahrscheinlich wäre Jamie sonst wieder über den Kompost beim Gewächshaus und beim Schrebergarten gelandet.
Dort geht eben nicht alles zu Ende.
Dort beginnt das ewige Leben...
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